Supermarkt, Kinokasse, Stau & Co – wie eine einfache Übung deine Nerven schont

Veröffentlicht am: 21. Februar 2025

Supermarkt, Kinokasse, Stau & Co

An einem Mittwochabend löse ich mein Geburtstagsgeschenk ein: Mein Mann hatte mir Karten für das Elvis-Musical geschenkt, das in der nächst gelegenen größeren Stadt aufgeführt wird. Die Frage, warum wir diesmal nicht in weiser Voraussicht mit dem Schnellbus, sondern mit dem Auto in die Stadt gefahren sind, poppt seltsamerweise erst auf, als wir zwischen Leitplanken, einem fetten SUV und mehreren Blechbüchsen, in signalrote Lichter getaucht, im Stopp-and-Stopp-Verkehr, festsitzen.

19:18 Uhr: Von der Vorfreude auf das Event getragen, sind wir davon überzeugt: “Das schaffen wir locker”.

19:23 Uhr: Mein Mann und ich schütteln ungläubig unsere Köpfe und bedauern gleichzeitig all die Stadtmenschen, die sich solch einem Szenario täglich aussetzen, und die Anwohner, die hier regelmäßig Abgase und Lärm ertragen.

Das Mitleid verschwindet einige Minuten später, beim Blick auf die Uhr: 19:38 Uhr.

Unsere anfängliche Gelassenheit verabschiedet sich von einer Ampelphase zur nächsten. Aus meiner Bauchgegend spüre ich Wut heraufsteigen…

Ich erinnere mich an die Sätze, mit denen ich mich bisher z.B. in Supermarktschlangen erfolgreich in Geduld hatte üben können:

“Es ist wie es ist.“

„Die Situation ist nicht bedrohlich.“

„Es geht schlimmstenfalls nur um einen verpassten Konzertabend und nicht um Leben und Tod.“

Weil auch das nicht hilft, schalte ich einen Gang höher:

Ich greife auf eine Übung gegen starke aufkommende Emotionen zurück, die mich in der akuten Phase meiner Angststörung mehr als einmal aus einem Gefühl des Kontrollverlusts erlöst hat.

Nein, diesmal droht zwar keine Panikattacke, doch: ich bin einfach nur VERDAMMT SAUER, weil ich mich auf diese Veranstaltung gefreut habe, die jetzt zu platzen droht.

Mantramäßig spreche ich:
„Ich sehe ein blaues Tankstellenschild.“
„Ich sehe rote Rücklichter.“
„Ich sehe eine Frau in einem grünen Kleid“ (die es offensichtlich weniger eilig hat).
„Ich höre Motorengeräusche.“
„Ich höre das Piepen unseres Abstandmessers.“
„Ich rieche (seltsamerweise) keine Abgase“ (aha – ein E-Auto, direkt vor uns).
„Ich fühle meine eiskalten Hände.“
„Ich fühle meinen Atem in den Bauch strömen“ (jaaaaaaa – tief atmen hilft immer).

Als ich anfange, neun übereinanderliegende Schilder einzeln abzuzählen, stellt mir mein Nebensitzer, dessen Fass nun auch bis zum Zerbersten gefüllt ist, die Frage:

“WAS MACHST DU DA EIGENTLICH??!!!??”

Obwohl ich ihm diese “5-Sinne-Übung” schon mehrfach in der Theorie erklärt und sie auch in einigen Beiträgen nachvollziehbar geschrieben hatte, scheint er sie erst jetzt bewusst zu registrieren. In den einsamen Kämpfen gegen meine Angstattacken hatte ich sie immer nur still und heimlich - und erfolgreich - angewendet.

Ich nutze diese Gunst der Gelegenheit zur Aufklärungsarbeit – familieninterne Psychoedukation.

„Es gibt also doch immer etwas Positives, selbst in einer extrem nervigen Situation wie dieser“, stelle ich bestätigend für mich fest. Ob er gut genug zugehört hat?

Nach mehr als 25 Minuten in der Verbannung, zwölf Minuten vor Beginn der Veranstaltung, schaffen wir es endlich, auf einer seltsam leeren linken Spur mehrere Fahrzeuge zu überholen und uns – extrem frech - zehn Meter vor der Einfahrt in die Tiefgarage einzufädeln… „Ups, jetzt haben wir doch tatsächlich die falsche Spur erwischt, sorry“.

Mein Mann spricht in diesem Moment den Satz aus, der sich soeben in meinem Kopf geformt hatte: “Das war jetzt schon ziemlich arschig“ (pardon)… Die Quittung für unsere Dreistigkeit kommt sofort: ein junger Mann schiebt ein großes Schild vor die Zufahrt zum Ziel: Parkhaus besetzt wegen Veranstaltung…

Jetzt werden wir LAUT… (ohne Worte)

Fünf Minuten bevor uns die 70er-Jahre-Band ihre Rockbeats von der Bühne zuwerfen kann - das amerikanische Elvis-Double hat seine Hüften bestimmt längst aufgewärmt -, sehen wir unseren Musicalabend mitsamt dem Begrüßungssekt im Gulli versickern.

Nun haben wir eine echte Herausforderung: Um 20 Uhr abends rund um das Festspielhaus eine Parklücke zu ergattern, ohne hinterher das Auto in irgendeiner Abschleppstation abholen zu müssen, ist nahezu ausgeschlossen.

Wir entscheiden uns kurzerhand für ein entfernteres Parkhaus, das wir normalerweise nur zu dringenden Arztbesuchen aufsuchen, und - oh Wunder - schaffen es doch noch, unser Auto auf einer freien Stelle zu parken und im Stechschritt zur Veranstaltung zu hetzen.

Drei Minuten nach 20 Uhr zwängen wir uns entschuldigend durch unsere Sitzreihe zu den Plätzen, die vom anderen Eingang her um einiges schneller zu erreichen gewesen wären. Zum Glück sieht man unsere roten Gesichter in der Dunkelheit nicht. Mit angezogener Jacke schmeiße ich mich auf meinen Sitz und erstarre erst einmal zur Salzsäule, um nicht noch mehr aufzufallen.

Vorne auf der Bühne erscheinen nun Schwarzweiß-Bilder auf der Videoleinwand, die den Tod von “King Elvis” ausrufen… Meine kurze Irritation, weil wir ja so spät nun doch nicht angekommen sind, verschwindet schnell wieder. Da ist ER ja - scheinbar lebendig und gewohnt energiegeladen tänzelt er in diesem Moment auf die Bühne.

Meine Muskeln lockern sich und meine Aufmerksamkeit wird zum Geschehen vor mir gelockt… so sehr, dass ich kaum bemerke, wie immer wieder von neuem die Türen im Zuschauerraum auf- und zugehen und weitere staugebeutelte Geister verstohlen auf ihre Plätze huschen.

JETZT kann ich endlich eintauchen – das ist schließlich MEIN ABEND: „It´s now or never“.

Bildquelle: Pexels