Veröffentlicht am: 22. Februar 2026

Mein Wecker kündigte verlässlich um 6.30 Uhr den neuen Tag an und gleichzeitig die neue Woche. Obwohl ich seit langem mal wieder acht Stunden durchgeschlafen hatte, lag etwas Bleiernes auf meiner Seele. Ich nahm mit halb-geöffneten Augen den Wecker in die Hand und drückte die Pfeiltasten… „nur noch eine halbe Stunde…, noch ein kleines bisschen dösen…“ - montags habe ich immer erst ab 11 Uhr Termine. Aber, Moment mal… eigentlich wollte ich doch heute…
Vor fünf Wochen hatte ich mir neue Laufschuhe gekauft. ENDLICH wieder joggen! Nach meiner Hüft-Verletzung und der Osteopathie, nach all den Pausen. Heute – am Montagmorgen - sollte es passieren, komme, was wolle.
Als ich so in meinem Bett in meiner halbstündigen Gnadenfrist vor mich hindöste, kamen meine Ausreden sofort:
Gestern Abend hat es geregnet, der Waldboden ist bestimmt überall aufgeweicht.
Die neuen Schuhe dürfen nicht dreckig werden.
Ich darf mich vor dem Urlaub nicht erkälten.
Und überhaupt hatte ich noch drei Texte zu korrigieren.
Drei wunderbare Tage in Berlin lagen hinter mir, ein Besuch bei meinem älteren Sohn. Wir hatten wunderschöne Gespräche, den leckersten Kreuzberger Falafel-Yufka und das Mama-erwachsener-Sohn-Verbundenheitsgefühl, das ich so liebe!!
Und ich war intensiven Eindrücken ausgesetzt: Uringestank, Cannabis-Wolken, quietschende Straßenbahnen, ein Bahnsteig voller Menschen und die Wannsee-Konferenz-Gedenkstätte mit all ihren Schreckensbildern.
Dazu kam eine Beobachtung in einem Frühstückscafé, die mich noch immer innerlich den Kopf schütten lässt: ein junger Vater saß mit seinem maximal sechsjährigen Sohn – am frühen Morgen - schweigend vor zwei Tablet-Bildschirmen, anstatt die Gelegenheit für einen vertrauten Vater-Sohn-Moment zu nutzen. Dieses Bild vergesse ich nicht so schnell.
Meine montägliche Morgenroutine stupste mich an, um in Gang zu kommen: heißes Ingwer-Zitronen-Wasser mit Öl (für Immunsystem und Verdauung), Haferflocken, geriebener Apfel und natürlich KAFFEE – vor allem, seit ich mir in der WG meines Sohnes abgeschaut habe, wie er ihn selbst brüht.
Eigentlich gehört zu meinem Morgenritual immer auch die Zeitung.
Doch zu spät hatte ich gemerkt: heute hätte ich das lieber nicht tun sollen:
„Trump reicht der EU die Scheidungspapiere. Thomas Gottschalk verlässt wegen Krebs die große Bühne. Putin verschärft Angriffe…“
Zu viele negativen Schlagzeilen auf einmal.
Ich spürte, wie mein epigenetischer Triggermuskel anfing zu zucken und gleichzeitig mein überreiztes Nervensystem auf Hochtouren kam: das altbekannte innere Kribbeln, Herzziehen, ein leichter Anflug von Panik. Das hatte ich schon ewig nicht mehr.
Dabei wollte ich doch heute unbedingt mit einer lockeren Laufrunde und ganz viel Entspannung in die Woche starten…
Meine Gedanken verdichteten sich. Die Vorstellung, mich an den Schreibtisch zu setzen und drei Texte zu korrigieren, lähmte mich zusehends.
Ich traf die einzig richtige Entscheidung, klappte die Zeitung zu und schnappte meine neuen Joggingschuhe – ENDLICH!
„In den Körper gehen, in den Körper gehen, in den Körper gehen…” Dieses Mantra hämmerte ich mir in den ersten hundert Metern Schritt für Schritt in meinen Kopf ein.
Die Wade zwickte – ich hatte mich nicht aufgewärmt. Ich schüttelte sie aus und bog auf den Feldweg ein, der mir von meinen früheren regelmäßigen Laufrunden vertraut war… wieder vertrauter wurde, Meter für Meter. Das Laufen und Atmen fiel mir leichter als gedacht.
Mit jedem Schritt wurde mein Kopf freier.
Ich zermarterte mein Hirn: Warum hast du das so lange vernachlässigt?
Egal: „In den Körper gehen, in den Körper gehen, in den Körper gehen…”
Ich lief und lief.
Es gelang mir, mich nur auf meinen Körper konzentrieren, die wippenden Fußsohlen auf dem weichen Waldboden, der stellenweise wirklich matschig vom Regen war.
Die bleiernen Gedanken flossen durch den Körper in den Boden hinab.
Und ich merkte wieder: Wenn ich mich körperlich entspanne, kommen Impulse. Meistens sogar sehr gute und hilfreiche, solche, die ich für meinen Blog und meine Klienten weiterverwenden kann und möchte.
Beim Laufen werde ich klarer im Kopf, bewusster, mit meinen Gefühlen, Bedürfnissen und anstehenden Entscheidungen. Die Stresssymptome lassen nach und Gelassenheit und wachsender Optimismus verdrängen unschöne Bilder, lähmende Gedankenkreisel und negative Reize.
Die Versuchung wurde groß, alles sofort ins Handy reinzusprechen. Ich wollte diese wertvollen Impulse nicht vergessen, wenn ich später in meine Alltagsroutinen und Verpflichtungen eintauche.
Also gab ich nach vier Kilometern nach, zückte mein Smartphone und sprach meine Erkenntnisse ein, damit ich sie nicht vergesse.
Mein Blick fiel auf meine verschmutzten, verdreckten, NAGELNEUEN Laufschuhe.
Innerlich lächelte ich: Nun, das ist ja auch ihre eigentliche Bestimmung!
Ab jetzt wusste ich wieder, was ich tun musste: täglich im Alltag regelmäßige Gelegenheiten schaffen, um mich zu erden, in mich hineinzufühlen, um unangenehme Reize neu bewerten und gehen lassen zu können.
Ein kleiner Nachtrag: Es ist ein Irrglaube, dass Therapeutinnen und Therapeuten – die viele Tools und Methoden gelernt haben, um anderen zu helfen – nicht auch immer wieder selbst in prekäre Situationen kommen. Auch sie haben immer wieder Momente, in denen sie sich selbst an diese Tools erinnern müssen. Um sie bei sich selbst anzuwenden. Was für ein Glück, sie zu haben.
Wenn es dir manchmal ähnlich geht:
Lade dir meinen Notfall-Rucksack mit konkreten Übungen und Tipps bei starken Gefühlen, Angstanfällen und
Gedankenkreisen herunter.
Dein Wegbegleiter für psychische Gesundheit und innere Stabilität von Renate Schmitt.