HARMONIE um jeden Preis - was ich als Hochsensible gerne in Konflikten lernen würde…

Veröffentlicht am: 07. September 2026

Vorsätze

Es ist Spätsommertag im August: Wir laufen mit einer schiebenden, schwitzenden italienischen Reisegruppe durch die engen Gassen von Mont-St.-Michel, einer der touristischsten Hotspots Frankreichs.
Obwohl ich prinzipiell an den historischen Fakten dieses beeindruckenden Klosters interessiert bin, das immerhin zwei Weltkriege unbeschadet überstanden hat, liebäugle ich gleichzeitig mit den überteuerten Souvenirshops. Ich habe mir unbedingt in den Kopf gesetzt, mein altes zerfleddertes Brillenetui endlich durch ein buntes neues zu ersetzen…
Meine Männer fluchen und würden schon jetzt am liebsten wild schreiend den defensiven Rückzug durch das Burgtor antreten. Definitiv wollen sie nicht vor diesen “Chinamüll-Läden” auf mich warten, bis ich DAS passende und nicht gleich abfallreife Erinnerungsstück herausgesucht habe.

Sehr schnell regt sich in MIR Unmut, während meine Gedanken immer lauter werden: “Wieso können sie das nicht einfach mir zuliebe mal in Kauf nehmen, so wie ich auch vieles ihnen zuliebe tue? Schließlich ertragen sie es doch vor einem Stadionbesuch auch, gemeinsam wie die Ölsardinen in einer überfüllten U-Bahn mit gröhlenden, biermüffelnden Fußballfans dicht an dicht zu stehen!”

Es dauert nicht lange, bis aus meinem Mund der Satz kommt: “Wir wollen doch nicht diesen letzten Urlaubstag mit Streit und mieser Stimmung belasten?!” Als Reaktion kommt… NICHTS, erst recht keine Zustimmung…
Falls du ähnlich feinfühlig und gleichzeitig konfliktscheu bist wie ich… kommt dir das vielleicht bekannt vor.

Mit zeitlicher Verzögerung von mehreren Minuten beginnt mein Erwachsenen-Ich über diese Situation und meine Reaktion zu rätseln:
Ich stehe mit beiden Beinen in meinem Mittfünfziger-Leben, habe jede Menge Therapieerfahrung - als Betroffene und auch auf Therapeutenseite – hatte über zwei Jahrzehnte hinweg in meinem Job als Sonderpädagogin mit herausforderndem „Zwischenmenscheln“ zu tun…
Und TROTZDEM komme ich in persönlichen Konfliktsituationen immer wieder an diesen einen Punkt, an dem ich zum hilflosen kleinen Kind zu mutieren scheine…

In solchen Fällen kannst du mich dann ungefähr in folgender prekären Verfassung antreffen:

Ich bin in großer Sorge, dass meine Liebsten sauer auf mich sind und mich mit Nicht-Beachtung strafen.

Ich verfalle in ein krampfhaftes und gleichzeitig verzweifeltes Bedürfnis, unangenehme Stimmungen durch besonders angepasstes Verhalten “ausgleichen zu wollen”.

Es gelingt mir in meinem Inneren ganz und gar nicht, emotionale Spannungen auszuhalten.

Was mache ich stattdessen?

Meine Strategie lautet: Innerer Rückzug… Ich werde immer stiller und passe mich so lange mit unangenehmen Gefühlen an die Situation an, bis die Stimmung - nach meinem Gefühl - WIRKLICH „wieder gut“ und die Atmosphäre ausreichend HARMONISCH ist.

Und jedes Mal passiert dasselbe: Mein Mann und meine Söhne lassen spontanen Reaktionen und emotionsaufgeladenen Sätzen freien Lauf, während sie einfach das begonnene Programm weiter abspulen, durch die Gegend laufen, auf das Handy gucken und z.B. das Watt und die Möwen fotografieren…

Eine Zeitlang – ehrlicherweise maximal zehn Minuten – halte ich das aus und verordne mir dann selbst Beruhigung und Gelassenheit; selten mit Erfolg…

Meistens ist es so:
Irgendwann beginne ich, verzweifelte Fragen zu stellen und sehe mich dabei unbewusst als kleines bettelndes Kind vor großen mächtigeren Erwachsenen stehen.

Das sind bedrängende Fragen wie “Bist du noch sauer?” oder “Sind wir wieder gut miteinander?“ oder „Alles gut?” oder einfach nur “Friede?”

Und jedes Mal ernte ich von meinen Männern die gleiche Antwort: “Hä? Ja klar, das habe ich längst abgehakt!”

Wie schaffen sie das nur???!!?

Mindestens eine halbe Stunde kämpfe ich damit, meinen inneren Tornado zu beruhigen, während sich zeitgleich ein unangenehmes Gefühl nach dem nächsten ausbreitet: Unverständnis, Wut, Schuld, dann Scham und zuletzt die Traurigkeit darüber, einen besonderen Moment unnötigerweise belastet zu haben…
Während also in mir drin all diese Gefühle toben…, kriegen meine Männer es innerhalb von Minuten oder gar Sekunden hin, zur Tagesordnung überzugehen.

Und dann schaffen sie es auch noch, hinterher keinen Groll mehr gegen mich zu hegen oder mir die Situation einige Zeit später wieder ins Müsli zu schütten und mir damit vorzuwerfen. Tatsache ist: In immerhin 20 Jahren, in denen wir als gemeinsame Familie zusammenleben, erinnere ich mich noch an genau KEIN Mal, an dem mir ein Konflikt ernsthaft nachgetragen worden wäre…

Hmmm, bleibt hier offensichtlich noch ein Thema, an dem ich zu arbeiten habe.

Oder wäre es vielleicht hilfreicher, in diesen Situationen mit mir selbst gnädig und mitfühlend zu sein? Ich beschließe, möglichst künftig schneller in den Erwachsenenmodus zu wechseln und von diesem Standpunkt heraus zu sehen, dass es nicht schlimm ist, wenn mal eine Weile Funkstille ist, weil die Männer einfach KEINEN BOCK auf meine Shoppingsession haben und einfach nur GENERVT sind.

Genervtes Genörgel ist kein hemmungsloser Streit und bedeutet auch keine Gefahr, verlassen zu werden!

Eigentlich könnte ich mich auch noch in Dankbarkeit üben, weil meine Männer nicht nachtragend sind und ich – und damit auch mein feinfühliges inneres Mädchen - offensichtlich BEDINGUNGSLOS geliebt werde?

Hinweis: Ohne KI und mit eigenem Hirn, Herz und Fingern geschrieben

FÜHLMalLEBEN

Dein Wegbegleiter für psychische Gesundheit und innere Stabilität von Renate Schmitt.

Renate Schmitt

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